„Wir werden unsere Stimme weiter erheben gegen Rassismus und Faschismus!“
m 19. Februar 2020 wurde in der Stadt Hanau ein rassistischer Anschlag auf neun Menschen mit Migrationshintergrund verübt.
In mehr als hundert Städten demonstrieren am 6. Jahrestag der Mordserie auch dieses Jahr wieder Tausende von Menschen bundesweit ihre Solidarität mit den Angehörigen und Betroffenen der Opfer von Hanau. Auf den Aktionen in den verschiedenen Städten und Orten wird immer wieder auch der Name von İbrahim Akkuş genannt. Das Zehnte Opfer des Nazi-Mörders von Hanau.
In Hanau ist das Gedenken 2026 allerdings überschattet von unterschiedlichen Vorstellungen des Gedenkens von Angehörigen der Opfer und der Hanauer Rathaus-Koalition.
Oberbürgermeister Kaminsky verkündete: „Hanau erinnert selbstverständlich auch in diesem Jahr der Opfer des rassistischen Anschlags (…) allerdings in einem etwas kleineren Rahmen. Bei den Kranzniederlegungen an den beiden Tatorten (…) solle bewusst auf Reden verzichtet und in aller Stille der Toten gedacht werden, teilte die Stadt mit. i“
Hintergrund für diese „Schweige- und Stille-Anordnung“ durch Bürgermeister und verantwortliche Hanauer Politiker ist eine Diskussion über das Gedenken im Jahr 2025.
Auf einer Gedenkveranstaltung hatten Angehörige der Opfer die Unsensibilität und das völlige Versagen der Stadtverantwortlichen, hinsichtlich der Aufarbeitung der unglaublichen Fehlleistungen der staatlichen Behörden, vor und während der Tatnacht in Hanau thematisiert und kritisiert. ii
Ein Jahr später 2026 wird nun versucht die Angehörigen der Opfer zum Schweigen zu bringen.
Vorbemerkung: Wir dokumentieren im Anschluss die Intervention der „Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş“ zu dem unsäglichen Umgang der Verantwortlichen der Stadt Hanau mit dem Gedenken.
Genoss:innen von Trotz alledem aus verschiedenen Städten berichten von einigen Aktionen:
Hanau – Gedenken in Aachen
In unserem Gebiet, in NRW wurde in vielen Städten der Anschlag von Hanau auf mehreren Demonstrationen und Kundgebungen verurteilt. An dem Demonstrationszug in Aachen beteiligten sich 500 überwiegend junge Menschen. Sowohl zu Beginn als auch am Ende der Aktion wurden viele kämpferische Reden gehalten, die inhaltlich klar und treffend das Ziel der Aktionen zum Ausdruck brachten.
Wir fassen das Wichtigste zusammen:
# Der Staat ist seiner Verantwortung in Hanau nicht nachgekommen. Er hat vieles versprochen, aber seine Versprechen überhaupt nicht eingehalten. Sechs Jahre ohne Gerechtigkeit, sechs Jahre, in denen wir uns nicht als Teil dieser Gesellschaft fühlen, sind vergangen. Alles, was wir in diesen sechs Jahren gesehen und erlebt haben, war von Seiten der Polizei und der Behörden vor allem eines: Vertuschung und Versagen. Sechs Jahre lang haben staatliche Institutionen geschwiegen, bewusst vertuscht und nichts aufgeklärt. Der Staat hat auf ganzer Linie versagt.
# Die Gewalt endete nicht mit dem letzten Schuss. Sie setzt sich bis heute fort – durch Schweigen, durch Wegsehen, durch Ignoranz, durch Relativierung und durch das Versagen staatlicher Behörden. Wenn Justiz und Behörden nicht aufklären, wenn sie Aufklärung verhindern und am Ende versagen, bleibt für uns nur eines, weiter zu kämpfen: Gegen das Vergessen, für Gerechtigkeit und Wahrheit.
# Auch nach sechs Jahren sind zentrale Fragen noch immer offen. Hanau war und ist kein Einzelfall. Hanau ist ein Beispiel für eine endlose Kette. Hanau ist ein erschütterndes Beispiel für strukturellen Rassismus und Diskriminierung.
# Über Jahre hinweg ist dieses rassistische Klima gewachsen. Neonazis organisieren sich in Polizei, Militär, Justiz und anderen staatlichen Behörden. Der Staat schützt die Menschen nicht. Im Gegenteil: Er trägt dazu bei, dass diese Hetze weitergeht. Die Familien kämpfen seit sechs Jahren unermüdlich – trotz vieler schwieriger Umstände stoßen sie immer wieder gegen eine Mauer des Staates.
# Auch die bürgerlichen Parteien tragen Verantwortung für dieses rassistische Klima, für die Entwicklung und für diese Morde – ja, auch die SPD und die Grünen. Denn sie tragen die herrschende Politik mit und sind mitverantwortlich für eine menschenunwürdige Politik.
Gedenken heißt auch, den Staat zur Rechenschaft und zur Aufklärung der offenen Fragen zu zwingen.
# Die offene Faschisierung nimmt zu. Faschisierung ist nicht auf die AfD begrenzt. Nein! Sie wird vom Staat systematisch vorangetrieben. Es gibt unzählige Beispiele für diese Politik. Das zeigt sich etwa in der Abschiebepolitik. Es wird eine Politik mit und für Täter gemacht.
# Wir fragen: Warum bleibt H.-G. R., Vater des Mörders von Hanau trotz seiner rassistischen Bedrohungen von Angehörigen der Opfer bis heute unbehelligt? Warum reagierte die Polizei nicht rechtzeitig auf Notrufe? Was ist mit den 13 Beamten des aufgelösten Sondereinsatzkommandos Frankfurts wegen rechtsextremer Chatgruppen?
# Was wurde in den vergangenen sechs Jahren getan, um erneute Angriffe auf Migrantinnen und Migranten zu verhindern? Welche Maßnahmen wurden dauerhaft verankert? Welche staatlichen Institutionen haben Verantwortung übernommen? Welche Versäumnisse wurden aufgearbeitet? Welche konkreten Schritte wurden unternommen, damit diese Wunden heilen und Gerechtigkeit hergestellt wird? Diese Fragen werden wir weiterhin unermüdlich stellen.
# Migrantinnen und Migranten sind nicht verantwortlich für steigende Mieten, sinkende Löhne, mangelnde Jobs oder die schlechte Wirtschaftslage. Aber sie werden von der herrschenden Politik, den faschistischen und rechten Parteien, über SPD bis hin zu Grünen zur Zielscheibe gemacht.
Die eigentliche Zielscheibe muss dieses System sein, seine Politik des „Teile und Herrsche“: Der Kapitalismus.
# Hanau war kein Einzelfall, und Hanau war nicht der letzte Fall. Auch nach dem Anschlag von Hanau wurden viele weitere rassistische, faschistische Morde, Angriffe auf Migrantinnen und Migranten verübt. Auch nach Hanau sind durch Polizeigewalt, nach Verhaftungen, in Gefängnissen, im öffentlichen Raum und viele Migrant:innen umgekommen.
Es ist richtig, wenn wir sagen: Hanau ist überall – und der Widerstand muss auch überall sein!
Dortmund – Aktion zum 6. Jahrestag des rassistischen Anschlags in Hanau!
Wie bekannt, kamen vor sechs Jahren, am 19. Februar 2020, bei einem bewaffneten Anschlag des rassistischen Terroristen T. Rathjen in der Stadt Hanau neun Menschen mit Migrationshintergrund ums Leben, sechs weitere wurden verletzt. Im Januar 2026 ist İbrahim Akkuş, der bei diesem faschistischen Anschlag schwer verletzt wurde, an dessen Folgen im letzten Monat verstorben.
Seit 2020 wird jedes Jahr bundesweit der Opfer von Hanau mit verschiedenen Veranstaltungen gedacht. Auch in diesem Jahr fanden in verschiedenen Städten und Orten Deutschlands Gedenkfeiern statt.
In Dortmund versammelten sich ungefähr 150 Personen auf einem Platz gegenüber dem Dortmunder Hauptbahnhof und verurteilten mit einer Kundgebung diesen brutalen Angriff in Hanau. Es wurden Beispiele dafür angeführt, dass solche faschistischen, rassistischen Anschläge nicht nur in Hanau stattfanden sondern rassistisch-faschistische Angriffe und Morde in Deutschland seit Jahrzehnten an der Tagesordnung sind. Die staatlichen Behörden, die diese Vorfälle beobachteten und ohne viel zu unternehmen keine Aufklärung betreiben-. Es wurde betont, dass Rassismus und Faschismus in Deutschland von Tag zu Tag zunehmen, was sich in den Stimmenzahlen für offen faschistische Parteien deutlich zeigt.
Unter Hinweis auf rassistische Strukturen innerhalb der Polizei und der Behörden wurde darauf festgestellt, dass ein zunehmender Rechtsruck zu beobachten sei. So fordert die faschistische AfD derzeit eine spezielle Polizeitruppe, die sich insbesondere auf Abschiebungen konzentrieren soll, sowie eine Ausgangssperre für Geflüchtete; es wurde betont, dass nicht nur die AfD, sondern die gesamte Politik der Bundesregierung diesen Rechtsruck fördere. Mit seiner üblen Polemik über die „Probleme im Stadtbild“ hat Friedrich Merz bewusst Migranten als „Störfaktor“ in Deutschland zur Zielscheibe gemacht.
Die Unzulänglichkeit des deutschen Staates bei der Aufklärung des Vorfalls, seine Bemühungen, das Geschehene in Vergessenheit geraten zu lassen, sowie die Nichteinhaltung seiner Versprechen wurden kritisiert. Immer wieder wurden die Parolen „Wir werden nicht vergessen, wir lassen es nicht vergessen“ skandiert. Im Namen verschiedener Gruppen und Parteien wurden ähnliche Reden gehalten. Diese etwa einstündige Aktion endete mit einem Aufruf zum 8. März.
Wir haben bei dieser Aktion unsere Erklärung zu dem konkreten Vorfall verteilt, fast jeder hat sie angenommen. Wir haben unsere Publikationen verkauft. Obwohl es ein Wochentag und ein Arbeitstag war, hatten wir mit einer größeren Teilnehmerzahl gerechnet. Trotz dieser Enttäuschung: Auch wenn es nur wenige sind, hält das Engagement und das Nicht-Vergessen die Erinnerung lebendig. Dennoch waren die meisten Teilnehmer junge Menschen, was sehr positiv war.
Nieder mit Faschismus und Rassismus!
Berlin – Aktionen zum 6. Jahrestag des rassistischen Anschlags in Hanau!
Berlin-Wedding
In Berlin wird auf zwei Aktionen der Opfer von Hanau gedacht. Am 19. Februar 2026 organisiert die MigrAntifa, ganz bewusst ausgewählt zum dritten Mal im Berliner Wedding-Kiez im Rahmen eines Tages des Kampfes gegen Rassismus die Hanau-Gedenk-Demonstration. Obwohl Donnerstag, ein Werktag, beteiligen sich ab 18.00 Uhr über 4 000 Menschen an dem Demonstrationszug. Dieser ist überwiegend jung und migrantisch geprägt. In den Redebeiträgen wird Rassismus nicht als Randphänomen, sondern als strukturelles Problem benannt, dessen Wurzeln im Staat und in der gesellschaftlichen Mehrheit verortet werden.
Die Namen der in Hanau ermordeten Menschen – Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, İbrahim Akkuş – werden gemeinsam und laut gerufen.
Ihre Namen sind nicht nur Erinnerung, sondern auch politische Anklage. Hunderte tragen ihre Fotos und Namen sichtbar durch die Straßen. Die Demonstration ist entschlossen, kämpferisch und getragen von kollektiver Solidarität. Trotz mehrerer polizeilicher Interventionen verläuft sie erfolgreich.
Berlin-Kreuzberg
Am 21. Februar 2026 versammeln sich zudem zahlreiche Menschen am O-Platz in Berlin-Kreuzberg. Diese jährliche Gedenkversammlung wird traditionell von unterschiedlichen Initiativen getragen. In diesem Jahr wird sie als „Stilles Gedenken“ angekündigt. Nur eine sehr kurze Eröffnungsrede wird gehalten.
Danach werden die Namen, die Geburts- und Todestage sowie die Wohnorte von über 300 Opfern von rassistischer, antiislamischer, antiziganistischer, antisemitischer, faschistischer Gewalt werden mehrfach über Lautsprecher verlesen. Sie werden nicht nur verlesen, sondern auf dem Oranienplatz sind drei große Banner ausgelegt mit den Namen und Lebensdaten der Opfer. Viele Teilnehmer:innen legen darauf Blumen ab. Zum Abschluss werden einige Gedichte vorgetragen. Das Verlesen der Namen der zahlreichen Opfer rassistischer Gewalt in Deutschland war emotional sehr bewegend.
Dieses angekündigte „Stille Gedenken“ am Oranienplatz war offenbar angelehnt an die „Vorgaben“ der Hanauer Stadtverantwortlichen und Bürgermeister Kaminsky für das Gedenken in Hanau.
Wir meinen, das reicht nicht aus um die unglaubliche Dimension dieser Mordspuren durch die ganze Republik mit „Stillem Gedenken“ zu verdeutlichen. Das reicht nicht aus, um wirklich die ganze Dimension des bewussten „Versagens“ des Staates, der Justiz, der Polizei in Hanau und in vielen anderen Mordfällen anzuklagen. Das reicht nicht aus um den Kampf darum zu verstärken, dass die immer noch in vielen Fällen nicht belangten Täter:innen dingfest gemacht werden.
Die verheerende Rolle des Staates, der politischen Verantwortlichen und „Sicherheitsbehörden“ zu thematisieren ist zentral wichtig. Um den Kampf um Aufklärung, den Kampf für Unterstützung von Überlebenden der Anschläge, von Angehörigen, nicht nur in Hanau sondern bundesweit voranzubringen.
Um Mut zu machen, den antirassistischen und antifaschistischen Kampf zu stärken!
| Wir trauern um İbrahim Akkuş 5. Februar 2026 Wir trauern um İbrahim Akkuş İbrahim Akkuş überlebte schwerverletzt den rassistischen Terroranschlag in Hanau. Am 10. Januar 2026 ist er an den Spätfolgen der Schussverletzungen gestorben. Wir trauern mit seiner Familie. Der Täter hat in der Arena-Bar achtmal auf ihn geschossen. İbrahim Akkuş musste danach monatelang im Krankenhaus bleiben und mehrmals operiert werden. Danach war er auf einen Rollstuhl angewiesen und konnte immer seltener sein Krankenbett verlassen. Seine Frau und Tochter haben ihn mit großer Hingabe gepflegt. İbrahim Akkuş litt nach wie vor unter den traumatischen Ereignissen vom Februar 2020. İbrahim Akkuş hatte vor dem 19. Februar 2020 wegen Diabetes ein Bein verloren und trug eine Prothese. Trotzdem war er mit seinem Rollator immer noch sehr mobil. „Vor dem Angriff war ich überall zu Fuß unterwegs, und an dem Tag des Anschlags war ich sogar in Frankfurt spazieren.“ Seit über 40 Jahren lebte İbrahim Akkuş in Hanau und er sagte nach dem rassistischen Anschlag: „Ich dachte, das ist ein demokratisches Land. Niemand würde uns umbringen.“ Wir werden ihn nie vergessen. Initiative 19. Februar 19feb-hanau./org |
i siehe hierzu die Stellungnahme dpa-infocom Hessen, 14.02.2026
ii zeit online Nr. 16/2025, aktualisiert 19.04.2025