Arbeitgeber verhöhnen die Forderungen der Arbeiter:innen!
Wir möchten euch über die aktuellen Tarifauseinandersetzungen in der Süßwarenindustrie in Nordrhein-Westfalen informieren.
Seit rund zwei Monaten laufen diese für etwa 45.000 Beschäftigte der Süßwarenindustrie in NRW. Die NGG (Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten) fordert eine Lohnerhöhung von 5,8 Prozent, mindestens jedoch 230 Euro pro Monat, bei einer Laufzeit des Tarifvertrags von zwölf Monaten.
Die Tarifverhandlungen begannen Mitte April. Die Tarifkommission ist bisher zu zwei Verhandlungsrunden mit den Arbeitgebervertretern zusammengekommen.
Die erste Tarifverhandlung fand am 23. April statt. Die Arbeitgeber reagierten auf die Forderung der NGG mit einem geradezu lächerlichen Angebot: 1,4 Prozent Lohnerhöhung bei einer Laufzeit von 24 Monaten.
Zum Zeitpunkt dieses Angebots lag die Inflationsrate bei rund 2,9 Prozent. Das Angebot der Arbeitgeber war daher nicht nur völlig unzureichend, sondern auch ein Ausdruck jeglicher mangelnder Wertschätzung gegenüber den Beschäftigten. Es kam einer Verhöhnung der Arbeiter:innen gleich.
Die Lebensbedingungen der werktätigen Menschen werden von Tag zu Tag schwieriger. Jedes Jahr werden neue Kürzungspakete im sozialen Bereich beschlossen. Diese Einschnitte betreffen die Gesundheitsversorgung, die Altersvorsorge und viele weitere soziale Bereiche. Mit neuen Gesetzen und Maßnahmen wird versucht, Rechte einzuschränken, die Arbeiter:innen und Gewerkschaften über Jahrzehnte hinweg erkämpft haben. Die Belastungen für die werktätigen Menschen nehmen stetig zu.
Die Löhne reichen für viele Beschäftigte kaum noch zum Leben. Steigende Mieten, höhere Energiekosten, zunehmende Steuerbelastungen, Arbeitslosigkeit und die anhaltende Inflation führen dazu, dass die Kaufkraft immer weiter sinkt. Unter diesen Bedingungen war das Angebot der Arbeitgeber nicht akzeptabel.
Dass die Arbeitgeber die sich verschlechternden Lebensbedingungen der Beschäftigten ignorieren und dennoch ein solches Angebot vorlegen, ist respektlos und kommt einer Ohrfeige für die Arbeiter:innen gleich.
1,4 Prozent für zwei Jahre – das ist keine Perspektive, das ist ein Schlag ins Gesicht!
Offensichtlich wollen die Arbeitgeber die Lasten der wirtschaftlichen Krise auf die Schultern der Beschäftigten abwälzen.
Dabei konnte die deutsche Süßwarenindustrie im Jahr 2025 trotz rückläufiger Produktionsmengen ihren Produktionswert steigern. Der Produktionswert der Branche stieg auf rund 18,6 Milliarden Euro, was einem Plus von 8,7 Prozent entspricht.
Auch die Unternehmen der Branche erzielten 2025 gute Ergebnisse:
Lindt & Sprüngli: Umsatz 2025: 5,92 Milliarden CHF; der Reingewinn stieg um 8,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Ferrero: Umsatz im Geschäftsjahr 2023/24 (veröffentlicht 2025): 18,4 Milliarden Euro; Umsatzsteigerung von 8,9 Prozent.
Haribo: Absatzrekord im Jahr 2025; der weltweite Absatz stieg um 4,5 Prozent.
Schwarz Produktion (Bonback, Solent, Bon Gelati u. a.): Die Produktionsunternehmen der Schwarz-Gruppe steigerten ihren Umsatz 2025 auf 5,7 Milliarden Euro, ein Plus von 23,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Auch Unternehmen wie Trolli, Griesson de Beukelaer und Lambertz konnten im Jahr 2025 gute Geschäftsergebnisse erzielen.
Die Eigentümer und Aktionäre der Süßwarenindustrie haben in den vergangenen Jahren hohe Gewinne erzielt und ihre Profite kontinuierlich gesteigert. Dennoch sollen die Beschäftigten die Lasten der Krise tragen.
Die Tarifkommission der NGG lehnte das erste Angebot der Arbeitgeber entschieden ab und beendete die Verhandlungen ohne Ergebnis.
Die zweite Verhandlungsrunde fand am 20. Mai 2026 statt. Obwohl die Beschäftigten auf ein verbessertes Angebot gehofft hatten, legten die Arbeitgeber erneut ein unzureichendes Angebot vor:
1,9 Prozent mehr Lohn im ersten Jahr
1,5 Prozent mehr Lohn im zweiten Jahr
rund 15 Euro mehr für die betriebliche Altersvorsorge pro Jahr
24 Monate Laufzeit.
Auch dieses Angebot wurde von der Tarifkommission zurückgewiesen.
Die dritte Verhandlungsrunde wurde auf den 30. Juni 2026 terminiert. Um bis dahin den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen und ein deutlich besseres Angebot zu erreichen, wurden von der Gewerkschaft, den Betriebsräten und den Vertrauensleuten in zahlreichen Betrieben Warnstreiks organisiert.
In vielen Betrieben kam es zu Arbeitsniederlegungen und Produktionsausfällen, unter anderem bei:
Haribo in Solingen und Bonn
Haribo MAOAM in Neuss
Intersnack in Grevenbroich
Intersnack in Olsberg
Sanotact in Münster
Ültje-Werk von Intersnack in Schwerte
Prinsen Berning in Osnabrück
Den Höhepunkt erreichte die Streikwelle in NRW in der „Hauptstadt der Süßwarenindustrie“ Aachen. Dort beteiligten sich Beschäftigte von:
Lindt & Sprüngli
Lambertz
Feinbäckerei Otten in Erkelenz
Bonback
Solent
Bon Gelati in Übach-Palenberg
Diese Warnstreiks waren jedoch vielerorts nicht ausreichend vorbereitet und organisiert. Daher blieb die aktive Beteiligung der Beschäftigten hinter den Erwartungen zurück. Zwar wurde die Produktion in zahlreichen Betrieben teilweise unterbrochen, doch ein großer Teil der Beschäftigten beteiligte sich nicht aktiv an den Streikaktionen.
Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der teilweise schwachen gewerkschaftlichen Organisierung in den Betrieben. Sowie auch in der Resignation von etlichen Kolleg:innen, dass höhere Forderungen nicht durchsetzbar seien. Dennoch haben die Warnstreiks – trotz der vergleichsweise geringen Beteiligung – dazu beigetragen, den Druck auf die Arbeitgeber vor der nächsten Verhandlungsrunde zu erhöhen und auch eine gewisse Entschlossenheit der Beschäftigten sichtbar zu machen.
15 Juni 2026
Trotz alledem! NRW
Trotzalledem Proletarier:innen aller Länder und unterdrückte Völker vereinigt euch!